Jede Krise trägt in sich mehr als nur Verunsicherung, sie ist auch ein Moment des Innehaltens. Wenn scheinbar Selbstverständliches ins Wanken gerät, öffnet sich ein Raum für neue Sichtweisen. Für Kinder, Jugendliche und Erwachsene kann gerade diese Bewegung der Anfang von Entwicklung sein.

Die Frage drängt sich auf: Wie können wir unter diesen Umständen als Einzelne und als Gesellschaft ein tragfähiges und erfülltes Leben gestalten? Ist es unsere viel benannte Resilienz als gesunde Widerstandsenergie, die uns hierbei trägt? Oder sind es andere Kräfte, die wir Menschen – wieder – entdecken müssen, um mit Belastungen umgehen zu lernen?

Resilienz ist wichtig, doch sie ist nicht genug. Der eigentliche Weg führt durch unsere Gefühle: durch Angst, Zweifel, Trauer ebenso wie durch Hoffnung, Freude und Nähe. Wer sie zu erforschen wagt, findet tiefere Kräfte. Am Ende dieser Suche steht etwas, das sich nicht in Begriffe fassen lässt: die Liebe. Sie ist unergründlich und zugleich der kraftvollste Boden, auf dem seelisches Wachstum möglich wird. Dieser Gedankenwelt habe ich auch mein Buch Psychodynamik der Liebe bei Kindern und Jugendlichen gewidmet.

Gerade Kinder und Jugendliche spüren Krisen auf ihre ganz eigene Weise. So wie sie überhaupt viel mehr wahrnehmen, als Erwachsene wahrhaben wollen. Unsicherheit, Ängste, innere Unruhe oder das Gefühl, mit vielem allein zu sein, sind häufige Begleiter der Heranwachsenden. Was zunächst wie eine Über-forderung wirkt, kann jedoch zu einem Ausgangspunkt für Entwicklung werden. Vorausgesetzt es kann gehalten werden. In der Auseinandersetzung mit dem Schwierigen lernen junge Menschen, Gefühle wahrzunehmen, Worte dafür zu finden und neue Seiten ihrer eigenen Stärke zu entdecken.

Doch wie können Erwachsene das leisten, während sie selbst unter den Belastungen dieser Zeit leiden? Vielleicht liegt die Antwort gerade darin, nicht perfekt zu sein. Kinder brauchen keine makellosen Vorbilder, sondern Menschen, die ihre eigenen Grenzen kennen und offen mit ihnen umgehen. Wenn Erwachsene es schaffen, ihre eigene Verletzlichkeit nicht ganz zu verleugnen, sondern im Dialog zu halten, entsteht etwas Echtes: wirkliche Beziehung, getragen von Respekt und Authentizität.

So wird spürbar, dass es weniger darum geht, Kinder und Jugendliche vor allem Schweren zu bewahren. Denn das ist kaum möglich.

Wichtiger ist, ihnen vorzuleben, dass Krisen Teil des Lebens sind, dass man sie aushalten und Wege finden kann, durch sie hindurchzugehen. Diese Haltung vermittelt nicht nur Hoffnung, sondern auch eine Erfahrung, die trägt: dass selbst aus Bruchstellen etwas Neues, Wertvolles hervorgehen kann.