Vieles scheint heutzutage regelrecht aufgeheizt. In sozialen Netzwerken werden Worte oft zu Waffen, in Familien manchmal zu Mauern. Was früher unausgesprochen blieb, wird laut; was wirklich gesagt werden müsste, geht im Lärm verloren. Es ist eine Zeit, in der viele sich bedroht fühlen, sowohl körperlich, als auch seelisch.

Diese Spannungen dringen bis in die Psychotherapie. Kinder, Jugendliche und Erwachsene bringen sie mit in den Raum, manchmal in Form von Wut, manchmal in Rückzug oder Schweigen. Hinter all dem liegt oft dieselbe Sehnsucht: gesehen, verstanden, gehalten zu werden. Und irgendwo, irgendwie einen Platz in dieser Welt zu finden.

Doch Gewalt zeigt sich selten als reiner Ausbruch. Oft ist sie subtil, unscheinbar, schleicht sich ein in Beziehungen, in Blicke, in das, was unausgesprochen bleibt. Manchmal zeigt sie sich in der Art, wie Nähe vermieden wird, wie Liebe gefürchtet wird. In der Arbeit mit Familien, mit Jugendlichen, mit all ihren Geschichten, begegnet man dieser Gewalt immer wieder. Dabei bleibt man mitunter nicht nur Beobachter, sondern wird Beteiligter. Denn wer zuhört und teilhat, spürt auch die Risse, durch die das Leben dringt.

Die Frage, woher das „Böse“ kommt, ist so alt wie der Mensch selbst. Psychologisch lässt sich vieles erklären, u.a. über Mangel, über Verletzungen und Traumata, allgemein über anthropologische, generationsübergreifende Spuren. Doch am Ende bleibt etwas, das sich nicht fassen lässt. Etwas, das jenseits des Wissens liegt und wie ein Echo unserer tiefsten Abhängigkeit vom Leben selbst wirkt.

Wir alle tragen diesen Abgrund in uns, so wie wir auch die Fähigkeit tragen, ihm förderliche Gestalt zu geben. Das schaffen wir durch Bewusstsein, Mitgefühl und kreative Wandlung. Therapeutische Arbeit bedeutet, in dieser Spannung zu bleiben. Und dabei nicht vorschnell zu urteilen, nicht zu fliehen, sondern da zu sein – für das, was ist.

Das erfordert Geduld, Demut, manchmal auch Mut zur eigenen Verletzlichkeit. Denn als Therapeutin und Therapeut steht man nicht außerhalb des Geschehens. Wir bleiben immer Menschen und eben selbst „Patienten des Lebens“: leidend, lernend und suchend nach Wegen, wie das Dunkle nicht zerstört, sondern verwandelt werden kann.

Vielleicht liegt genau darin die Hoffnung: dass selbst dort, wo Beziehung zerbricht, das Menschsein nicht verstummt. Dass ein Blick, ein Wort, eine Geste ausreichen können, um den Raum des Schweigens zu öffnen.