
Wir leben in einer Zeit, die vom Wunsch nach Orientierung geprägt ist. Inmitten von Wissen, Daten und scheinbarer Gewissheit wächst zugleich das Bedürfnis nach innerer Wahrheit. Doch Wahrheit ist kein festes Ziel, sondern ein Erleben. Etwas, das in uns entsteht, wenn wir uns berühren lassen. Wirklichkeit wiederum ist nichts, das wir besitzen, sondern etwas, das sich in jeder Begegnung, in jedem Gefühl neu gestaltet.
Aus dem Nichts entsteht etwas, manchmal ist das ein Gedanke, ein anderes Mal ein Bild oder ein leises Spüren. So beginnt Entwicklung aus einer Bewegung des Inneren, aus Offenheit, aus der Bereitschaft, dem Unbekannten Raum zu geben.
Kinder und Jugendliche sind darin Meister. Sie erfinden ihre Welt jeden Tag neu, schöpfen aus Fantasie und Gefühl, erschaffen Wirklichkeit aus dem, was sie erleben. Manchmal verlieren sie sich darin, manchmal finden sie sich erst durch dieses Suchen. Doch gerade darin liegt ihre schöpferische Kraft: in der Fähigkeit, das Unfertige zuzulassen und daraus Sinn zu bilden.
Wir Erwachsene hingegen versuchen oft, diese Offenheit zu erklären, zu ordnen, zu kontrollieren. Wir sehnen uns nach Eindeutigkeit, nach Sicherheit, nach einer Wahrheit, die Bestand hat. Doch in der therapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder, dass sich Wirklichkeit nicht festhalten lässt. Sie ist ein atmendes Geschehen, das sich im Kontakt entfaltet. Sie wird geschaffen zwischen Menschen, zwischen Bewusstem und Unbewusstem, sowie zwischen dem, was war, und dem, was werden darf.
Therapie kann ein Raum sein, in dem diese Lebendigkeit wieder spürbar wird. Ein Ort, an dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene lernen, dem eigenen inneren Erleben zu vertrauen. Das ist wahrlich keine Schwäche, das ist schöpferische Kraft!
Denn wer in Kontakt mit seinem inneren Empfinden bleibt, kann auch in unsicheren Zeiten Halt finden. Er erkennt, dass aus dem Nichts, aus Stille, Leere und Nichtwissen etwas Neues entstehen kann, das sich als Ahnung, als Gefühl oder als Weg eröffnet.

Vielleicht ist das die tiefste Form von Gewahrsein:
nicht die Wahrheit, die wir beweisen können, sondern jene Wirklichkeit, die wir erfahren, wenn wir still werden und das Leben selbst sprechen lassen. In diesem Sinn ist Entwicklung kein Fortschritt und seelisches Wachstum nichts Lineares. Wir bewegen uns inmitten einer letztlich unergründlichen Dynamik – genauso, wie diese Kraft uns bewegt.
